Ein neues Gebiss für einen Picasso

von Jean-Claude Galli

Mit Ironie und Erzähltalent bündelt der Berner Zahnchirurg Philippe Daniel Ledermann in „Mörder auf der Flucht“ Gedanken und wahre Geschichten.

 

Der Einstieg ist furchterregend und köstlich gleichermassen. Wie offenbar beiden meisten Schweizer 40er Jahrgängern hat auch bei Philippe Daniel Ledermann (geboren 1944 in Genf, aufgewachsen im Berner Oberland) der Schwerverbrecher Ernst Deubelbeiss durch die Schilderungen der Eltern einen bleibenden Eindruck hinterlassen und der ganzen Generation einen gehörigen Schrecken eingejagt.

 

Allerdings entpuppt sich der von den spielenden Knaben für den Raubmörder gehaltene Mann in der Laubhütte später als Kaminfegerlehrling Otto und Deubelbeiss Kompagnon Kurt Schürmann als Kellnerin Madeleine.

 

Was die beiden dort treiben, sei hier nicht verraten, doch ist der Start des Erzählbandes mit der Titelgeschichte Mörder auf der Flucht geglückt: Da sind Witz, Tempo, Spannung und ein Hauch von Raffinesse zu nden.

 

Der bekannte Implantologe und Zahnchirurg (er erfand u. a. die Ledermann-Schraube) lässt sein bereits in der Tetralogie „Die Papiereltern“ unter Beweis gestelltes Erzähltalent wiederholt aufblitzen. So in „Picasso gegen neue Zähne“, wo er minutiös und mit einer schönen Portion Selbstironie schildert, wie er als Arzt einst einem Hochstapler auf den Leim gegangen ist. Auch in der himmeltraurigen Liebesgeschichte „Der Kuss“, die tief in die Jugend des Autors in Meiringen zurückführt. Oder in „Der Vogelhäusler“, einer berührenden Abwandlung des Evergreen-Themas „Kleider machen Leute“ (er variiert es nochmals in „Die Veloklammer“). Ebenso in „Die Explosion“, in der Ledermann den 1993 am Nydeggstalden durch eine Bombe zu Tode gekommenen Bélier Christophe Bader aus einer ganz speziellen Eigenoptik zeigt. In diesem Fall bezieht er allerdings etwas gar stark Stellung und hält mit seiner persönlichen Meinung kaum zurück. Wie er auch kein Freund des künstlerischen Schaffens von Paul Klee ist. Böse Zungen könnten ihm daneben einen leichten Hang zur Selbstverliebtheit nachsagen, wenn er wiederholt seine medizinischen Glanzleistungen erwähnt; die meisten werden ihm dies jedoch als charmante Koketterie durchgehen lassen.

 

Weisheiten für den Zuckerbeutel

Aufgelockert sind die „wahren Geschichten“ durch Gedanken und Gedichte, die eventuell nicht jedem Geschmack schmeicheln. Die stärksten haben aber durchaus das Potenzial zur Weisheit auf einem Zuckerbeutel. Ergänzt ist das Buch um eine überarbeitete Version der vergriffenen Geschichtensammlung „Der Clown“, und in der Summe stellt es ein kurzweiliges Lesevergnügen dar, eine reiche Fundgrube von Figuren und Stoffen. Unser Favorit ist „Das Mordkomplott“, das passend zur Jahreszeit mit einem Blut- und Leberwurst- Essen im Restaurant Mülirad in der Matte beginnt und hochdramatisch im nahegelegenen Theater endet.