Bloss eine leere Brieftasche!

von Rolf Dorner

Philippe Daniel Ledermanns neuestes Buch, der Roman „Finders Lohn“, beruht auf wahren Begebenheiten.

 

Die Geschichte beginnt mit dem Fund einer Brieftasche. Der Finder: Adamo Povero, Koch in einem kleinen Ristorante in New York. Der in der Schweiz aufgewachsene zweiundzwanzigjährige Italiener hatte eine bis auf eine Visitenkarte leere Brieftasche im Abfalleimer der Herrentoilette gefunden. Adamo begibt sich zu der angegebenen Adresse, einem herrschaftlichen Haus, um die Brieftasche ihrem Besitzer zu übergeben. „Das ist die Brieftasche meines Bruders“, erklärt Virginia, eine junge Frau in Adamos Alter, bestürzt. „Das ist alles, was von meinem lieben Bruder übrig geblieben ist…er wurde niedergeschlagen und ausgeraubt.“ An den Folgen eines Schädelhirntraumas sei er gestorben.

 

Mit dieser nur wenige Seiten umfassenden Einleitung in „Finders Lohn“ führt uns Ledermann dann in eine atemberaubende Geschichte hinein, die zunächst von leidenschaftlicher Liebe, grossem Glück, Wohlstand und Adamos erfolgreichem Berufsleben geprägt ist.

 

Adamo war endlich in seiner Wahlheimat Amerika angekommen, nie wieder wollte er nach Europa zurückkehren. Noch liegt Vieles im Dunkeln. Doch man ahnt, dass das grosse Glück nicht lange währen wird.

 

„An die Glückssträhne heftete sich auf einmal das Unglück wie eine Klette, ohne dass jemand etwas hätte dagegen unternehmen können. Eine Bosheit des Himmels?“ Noch mehr sei nicht verraten. Spätestens jetzt wandelt sich die fesselnde Geschichte in einen grossen Schicksalsroman, mit allem, was es dazu braucht.

 

Die Jahre vergehen. Adamo ist fünfundvierzig Jahre alt, als er sich entschliesst, in die Schweiz zu fliegen. Dort, in einem Dorf im Berner Oberland, war er seiner Jugendliebe begegnet. Es war ausgerechnet die Tochter seines Chefs, dem Besitzer des Hotels in dem er arbeitete. „Der Tschingg“, wie man den schwarzhaarigen Lehrling aus Italien von da an verächtlich nannte, konnte nun nichts mehr recht machen. Johannes, Sohn eines reichen benachbarten Hotelbesitzers, wünschte sich Adamos Chef als Schwiegersohn. Dann hatte man Adamo sehr übel mitgespielt, um ihn loszuwerden: Durch raffinierte Intrigen nach der Choreografie des Lehrmeisters und Hoteliers sowie des Küchenchefs als Komplizen wurden Adamo zwei Diebstähle untergeschoben. Für Johannes war nun der Weg zum Juniorchef frei.

 

Adamo, mit Bart und Hornbrille maskiert, trifft im Dorf seine Jugendliebe. Doch er war nicht mehr der verliebte und träumerische Mann von damals. Die Vergangenheit holt ihn ein. Er erinnert sich an jedes Detail der kriminellen Tricks, mit denen man ihn damals davongejagt hatte. Die Fragen stehen im Raum: Will der wohlhabende Besucher aus Amerika endlich Gerechtigkeit? Wird er sich rächen? Wen wird er sich zuerst vornehmen?

 

Auf Spurensuche. Johannes, der Schwiegersohn, wird unter die Lupe genommen. Spielschulden, Gläubiger, die Unfähigkeit, seinem Spieltrieb zu entgehen, spielen, gewinnen, verlieren, Alkohol, immer erneut rückfällig werden: Ledermann gelingt ein beeindruckendes Psychogramm eines unverbesserlichen Spielers.

 

Al'Leu, der Verleger, im Vorwort: „Die Mutmassungen und Diskussionen über Begriffe wie „Schicksal“ und „Fügung“ bleiben für immer blutleer, wenn sie nicht, wie im vorliegenden Roman, anhand eines wahren Geschehens mit allen vom Leben durchdrungenen Details beschrieben werden.“

 

In „Finders Lohn“ erweist sich scheinbar Vorhersehbares immer wieder als Trugschluss, was die Spannung vorantreibt. Fasziniert folgt der Leser dem wortwörtlich bis zum letzten Absatz faszinierenden überraschungsreichen Roman.

WORT