Wie eine fast leere Brieftasche ein Leben verändert

von Urs Häfliger

Der in Meiringen aufgewachsene Schriftsteller Philippe Daniel Ledermann (73) hat sein sechstes Werk «Finders Lohn» publiziert. Das Buch basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von einem Mann, der unverhofft Glückseligkeit empfindet. Doch weil es das Schicksal so will, hält dieser Zustand nicht lange an.
Der in Meiringen aufgewachsene ehemalige Implantologe und Kieferchirurg Philippe Daniel Ledermann ist inzwischen ein renommierter Schriftsteller. Mit «Finders Lohn» hat er sein sechstes Werk veröffentlicht. Foto: Urs Häfliger
Der in Meiringen aufgewachsene ehemalige Implantologe und Kieferchirurg Philippe Daniel Ledermann ist inzwischen ein renommierter Schriftsteller. Mit «Finders Lohn» hat er sein sechstes Werk veröffentlicht. Foto: Urs Häfliger

NEUERSCHEINUNG

Adamo Povero ist ein eifriger junger Mann. Der 22-Jährige arbeitet im New Yorker Ristorante Rossini, welches dank seiner Kochkünste zu einem It-Lokal avancierte. Weil er sich keiner Arbeit zu Schade ist, leert er auch ab und an die Papierkübel in den Toiletten. Eines Abends, als er gerade mit dieser Aufgabe beschäftigt ist, entdeckt er eine Brieftasche. Darin befindet sich die Visitenkarte des mutmasslichen Besitzers. Da Adamo nicht nur eifrig, sondern auch ehrlich ist, macht er sich auf den Weg zur angegebenen Adresse.

 

Dort trifft er auf Virginia Rich, die Schwester des Brieftaschenbesitzers. Als sie die Geldbörse ihres Bruders in den Händen hält, bricht sie in Tränen aus: «Das ist alles, was von meinem lieben Bruder übrig geblieben ist … er wurde niedergeschlagen und ausgeraubt.» Das Schicksal meinte es zwar nicht gut mit ihrem Bruder, dafür umso besser mit Adamo – denn diese Begegnung leitet eine Romanze zwischen ihm und Virginia ein.

 

Kein leichter Anfang

Die beiden heiraten schliesslich, doch lange dauert das Glück der beiden nicht an. Der Kinderwunsch des jungen Ehepaares will nicht in Erfüllung gehen und nach einer Fehlgeburt erkrankt Virginia, wovon sie sich nicht mehr erholt. Das Schicksal schlägt gnadenlos zu: «Meine Erkenntnis über das Schicksal ist, dass das Leben durch das Genmaterial sowie die Umwelteinflüsse bestimmt ist. Wir entscheiden aber, wie wir mit dem Bestimmten umgehen und in welche Richtung wir uns dann entwickeln», erklärt Ledermann.

 

Adamo wählt eine Richtung, die ihn in die Einsamkeit führt. Mehr sei aber nicht verraten. Der Fund der Brieftasche und die Begegnung von Adamo und Virginia bildet die Ausgangslage von Philippe Daniel Ledermanns Roman «Finders Lohn», der auf wahren Begebenheiten beruht. Adamo bekommt in Virginia einen höheren Finderlohn, als er sich selber wohl gedacht haben muss, das Schicksal nimmt ihn ihm aber wieder weg. Rund ein Viertel des 166 Seiten umfassenden Buchs nimmt die Geschichte von Protagonist Adamo und seiner Liebe Virginia ein.

 

Schutzfunktion

Dieser Anfang ist nicht einfach zu verdauen, da ein grosser Zeitraum auf wenigen Zeilen verarbeitet wird. Das Buch wird gerade zu Beginn seiner Beschreibung als «rasanter» Roman gerecht. Danach nimmt Ledermann das Tempo heraus und die Geschichte um Adamo wird angenehmer zu lesen. Gleichzeitig wechselt die Szenerie zum Landgasthof Linde in die fiktive Berner Oberländer Gemeinde Lüglingen.

Hinzu kommen die Charaktere Johannes Zocker und seine Frau Julia Gelter. Letztere war Adamos Jugendliebe, die beiden wurden aber durch eine Intrige von Julias Vater getrennt. Es war ein Ereignis, welches das Leben von Adamo komplett veränderte und ihn schliesslich nach New York führte. Übrigens einer der wenigen Orte, der real existiert: «Die Namen sind fiktiv, um die echten Personen und Orte zu schützen. Aber alle Figuren, die im Buch vorkommen, leben noch und haben mein Leben tangiert», erläutert der Schriftsteller.

 

Ledermann - ein Dramatiker

Die Namen sind eine literarische Spielerei und beschreiben den Charakter der Figur. Doch damit nicht genug: Vergleiche, aber vor allem Gegensätze, sind für den Schreibstil des 73-Jährigen typisch. Adamo Povero und sein Gegenspieler Johannes Zocker, die Venus Virginia versus die an die Shakespeare-Tragödie angelehnte Julia, Lüglingen und New York, Landgasthof gegenüber It-Lokal. «Diese Ambivalenz ist mir wichtig, sie zeichnet schliesslich auch das Leben aus», schildert Ledermann.

 

Der Roman endet nicht – ohne zu viel zu verraten – mit einem Happy End. Es wäre aber auch nicht der Stil von Ledermann: «Wenn ich mich als Schriftsteller charakterisieren müsste, würde ich sagen, dass ich ein Dramatiker bin.» Er sehe im Drama mehr Tiefe – eine Tiefe, die das Buch schliesslich auch gewinnt und äusserst lesenswert macht.