Biografie

Vom Kaminfegen zum Literaturschaffen

von Al'Leu

Die unbeschwerte Kindheit und das Urvertrauen von Philippe Daniel Ledermann ging beim Vorlesen einer Weihnachtsgeschichte in Meiringen in die Brüche.

 

Als der Lehrer seine Viertklässler fragte, an welchen Ort sie bei einer Volkszählung, wie sie die Römer zu Zeiten von Jesus durchgeführt hatten, gehen müssten, gab Philippe Meiringen an. Der Lehrer, der für ihn keine Sympathie hatte, sagte ihm, dies sei falsch. Er müsse sich gemäss seinem Schulrodel in Genf anmelden. Als Philippe widersprach, rief ein Schüler aus den hinteren Bänken hämisch: „Der hat eben nur Papiereltern!“

Für den zehnjährigen Schüler brach seine Welt zusammen.

 

Philippe kämpfte mit der neuen Situation so sehr, dass er den Entschluss fasste, aus seinem Leben zu scheiden. Der Vater bemerkte seine Absicht und verhinderte das Vorhaben.

 

Philippe war der Sohn eines anderseitig verheirateten Professors und einer ebenfalls verheirateten Angehörigen der Genfer Aristokratie. Da in der damaligen Zeit eine Scheidung für beide Partner ausgeschlossen war, wurde der Säugling zur Adoption freigegeben. Er wurde zweimal an Paare vermittelt, die ihre desolate Beziehung mit einem Kind retten wollten.

 

Philippe Daniel Ledermann sagte über seine Situation in der DRS-Sendung „Menschen und Horizonte“ zu der Moderatorin Regula Zehnder:

„Ich wurde wie ein Bild behandelt: Abgeholt, aufgehängt, von der Wand genommen und weitergegeben.“

 

Bei Hermann und Selina Ledermann-Waser wurde er als erwünschtes Kind aufgenommen. Sein Adoptivvater war Kaminfeger und Bauer mit knappem Auskommen.

Wie es damals üblich war, half Philippe, wenn er keinen Unterricht hatte, seinem Vater bei der Arbeit.

Für diesen war es selbstverständlich, dass der Sohn sein Gewerbe einmal weiterführen würde. Doch Philippe hatte schon früh den Traum, Mechaniker zu werden. Seine Mutter konnte mit Unterstützung ihres Bruders, der Kadermitglied der BLS war, seinen Wunsch beim Vater durchsetzen. Bei der Firma Hasler AG in der Bodenweid in Bümpliz konnte er seine Lehre beginnen.

Dem Direktor fielen neben der handwerklichen Begabung auch Philippes geistige Fähigkeiten auf.

Bei einem Gespräch mit ihm erfuhr der Lehrling erstmals, dass es eine „Matura“ gab. Ein Abschluss, der ihm alle Wege öffnen würde: zum Techniker, Wissenschaftler oder Arzt.

 

Der Mechanikerlehrling  Philippe Daniel Ledermann brach seine Lehre ab und absolvierte als ehemaliger Primarschüler nach enormer Anstrengung die Matura. Sein Studium schloss er mit dem Doktorat für Zahnmedizin ab.

 

Der literarische Weg

Gedichte und Geschichten schrieb Philippe Daniel Ledermann schon als Jugendlicher. Sein erstes Gedicht „Oh, ihr Berge“ wurde 1962 im Thuner Tagblatt veröffentlicht.

 

Eines Tages sass ZSV-Mitglied Johannes Taugwalder, der durch Gedichte in Zermatter Mundart und seine autobiografischen Romane bekannt wurde, im Zahnarztstuhl von Daniel Philippe Ledermann.

Als Dank für das gute Gelingen eines komplizierten chirurgischen Eingriffs überreichte er Ledermann eines seiner Werke. Der Zahnarzt erzählte ihm, dass er auch schreibe. Taugwalder war interessiert und wollte Ledermanns Texte lesen. Es verstrich einige Zeit, bis sich der Schriftsteller wieder meldete. Er äusserte sich positiv über das Gelesene.

 

Philippe Daniel Ledermann hatte jedoch den Verdacht, dass im literarischen Lob von Johannes Taugwalder eine gehörige Portion Höflichkeit stecke und sandte sein Manuskript an einen Kollegen in Zürich und bat um sein Urteil. Dieser leitete es weiter an Dr. Werner Weber, den ehemaligen Feuilletonchef der NZZ und Professor für Literaturwissenschaften an der Universität Zürich, mit der Bitte um eine fachliche Beurteilung.

Werner Weber schrieb zurück: „Ich begann zu lesen, zehn Seiten, zwanzig Seiten, und kam nicht mehr los, es zog mich weiter, ich musste wissen, was das Leben mit diesem Pascal vor hat. Kein Zweifel: ein wunderbar ergreifender, durch und durch wahrer Lebensstoff ist da“.

 

Jetzt lag Philippe Daniel Ledermann ein schriftliches, von Höflichkeiten befreites Urteil vor. Die Manuskriptangebote an den Diogenes Verlag und an den damals hochangesehenen Zytglogge-Verlag hatten keinen Erfolg. Ein Freund machte ihn auf den rührigen Verleger Hans Erpf aufmerksam, der vom Text begeistert war und in den höchsten Tönen eine sofortige Veröffentlichung versprach.

 

Eine Buchvernissage wurde organisiert. Der Veröffentlichungstermin rückte immer näher und näher. Der Verleger beruhigte den Autor mit: „Es sei alles in Ordnung.“ Philippe Daniel Ledermann traute der Angelegenheit immer weniger. Schliesslich rief er in der für die Buchproduktion beauftragten Druckerei an. Der Druckereibesitzer bestätigte das Vorliegen des Manuskriptes. Er könne es aber nicht drucken, weil Hans Erpf bei ihm erhebliche finanzielle Ausstände habe. Er sei nicht bereit, noch weitere Risiken bei Erpf einzugehen. Ledermann musste notgedrungen die Herstellungskosten sofort an die Druckerei überweisen, um sich nicht vor den eingeladenen Gästen zu blamieren. Das Buch wurde zu einem Grosserfolg. Hans Erpf hatte sich vor Ledermann als Verleger disqualifiziert. Er war ein rühriger und sehr begabter Verleger, der zahlreiche bedeutende Werke von Schweizer Schriftstellern verlegte. Leider verstrickte er sich in immer üblere finanzielle Machenschaften. Bei mehrmaligen Versuchen,ihn gerichtlich zu belangen, musste ich als ZSV-Präsident erfahren, dass sich die betroffenen Literaturschaffenden aus Scham mit allen Mitteln gegen ein juristisches Vorgehen gegen den Verleger Hans Erpf wehrten.

 

Ein befreundeter Grossverleger aus Basel sagte zu mir: „Du kannst eher zehn heilige Kühe in Indien ungestraft öffentlich schlachten, als Erpf vor Gericht erfolgreich zur Rechenschaft zu ziehen.“

Um seinem auf vier Bände geplanten autobiografischen Roman „Die Papiereltern“ einen stabilen editorischen Standort zu geben, gründete Ledermann den Nydegg Verlag in Bern. Sein beruflicher Erfolg und die daraus immer grösser werdenden Belastungen zwangen Ledermann, den Verlag weiterzugeben.

Nach dem ersten Band des vierteiligen autobiografischen Romans „Die Papiereltern“ kam auch sein Schreiben ins Stocken. Immer mehr Vorträge auf der beruflichen Ebene forderten Zeit von seiner Schriftstellerei. Ledermann war drauf und dran, diesen Bereich seiner Tätigkeit einzustellen. Doch ein guter Geist verhinderte das zum Glück: Sein Lektor Rolf Grossenbacher forderte ihn immer und immer wieder auf, das Schreiben nicht aufzugeben.

Die langen Schreibabstände brachten zusätzliche Schwierigkeiten mit der Verkaufsstrategie des Verlages, so dass ein Verlagswechsel unausweichlich war, dem dann noch weitere folgten.

Ledermann wäre nicht Ledermann, wenn er das schier Unmögliche nicht doch noch geschafft hätte: Die vier Bände von „Die Papiereltern“ sind heute, trotz sehr unterschiedlichem Erscheinungsbild, auf dem Buchmarkt erfolgreich.

 

In diesem vierteiligen autobiografischen Roman schildert Philippe Daniel Ledermann das Aufwachsen des Adoptivkindes Pascal und sein schicksalhaftes Leben. Die Einzelbände sind nach den vier Jahreszeiten benannt:

 

Frühling

Im ersten Roman erfährt Pascal an der Schulweihnacht, als Viertklässler, dass er keine richtigen Eltern hat, sondern nur solche „auf Papier“. Wir erfahren, wie er als Kind von Genf nach Meiringen im Berner Oberland zu seinen Adoptiveltern gekommen ist. Wir erleben, wie er als Jüngling die Stimme des Blutes hört, ihr folgen muss und sich damit zunehmend gegen seinen Adoptivvater, den Kaminfegermeister und Bauern stellt. Der Bub will nicht in die Fussstapfen seines Papiervaters treten, sondern Mechaniker werden. Schliesslich setzt er seinen Kopf durch. Aber da bricht er unerwartet die Mechanikerlehre ab und will ans Gymnasium. Den Eltern verrät er seinen Plan nicht. Doch als ehemaliger Primarschüler hat er kaum eine Chance, an ein öffentliches Gymnasium zu gelangen. Aus Gesprächen mit seinem Adoptivvater, den Pascal liebevoll „Ätti“ nennt, erfährt er, dass dieser von Studierten nichts hält und von Studenten noch weniger. Für ihn sind solche Leute arbeitsscheue Elemente und nicht selten einfach Versager. Wider Erwarten besteht Pascal die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium und muss es nun seinem Ätti und Mueti beichten.

 

Sommer

Im zweiten Band des Romans „Die Papiereltern“ besucht Pascal das Gymnasium. Doch schon bald verdunkelt sich der Himmel über ihm ...

 

Später absolviert der Mittelschüler ein Praktikum als Pflegehilfe in einem grossen Krankenhaus in der Westschweiz, wo es schon nach wenigen Tagen zu einem dramatischen Zusammenstoss mit dem Chefarzt kommt. Dabei wirft ihn der aufgebrachte Professor aus dem Operationssaal. Pascal ahnt nicht, dass der zornige Mann sein leiblicher Vater ist.

Nach der Matura immatrikuliert sich Pascal an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern und beginnt gleichzeitig mit der Suche nach seiner Vergangenheit. Auf fast unglaubliche Art und Weise stösst er auf seine leibliche Mutter.

 

Das plötzliche Wissen um das tragische Schicksal seiner richtigen Eltern stürzt den Jüngling in eine tiefe seelische Krise. Er vernachlässigt sein Studium und will Dichter werden. In den Vorlesungen sieht man Pascal immer weniger, aber umso häufiger am Stamm seiner Studentenverbindung und auf dem Fechtboden - oder im Bett, wo er jeweils seinen Rausch ausschlafen muss. Der liederliche Lebenswandel hat für Pascal verheerende Folgen. Schliesslich will er die Universität verlassen. Da lernt er eine junge Frau kennen.

 

Herbst

Pascal Laubscher hat sein Studium abgeschlossen und wirkt als Zahnarzt in Herzogenbuchsee. Dr. Laubscher wird zum weltweit anerkannten Implantologen und erreicht damit den Höhepunkt seiner Karriere. Gleichzeitig schiessen Neider und Gegner wie Pilze aus dem Boden. Wenig erfolgreiche Kollegen, die ihr Seelenheil in den Kommissonen des Zahnärzteverbandes suchen, werden zu Widersachern, ja sogar zu Feinden. Sie wollen ihren berühmten, unbequemen Kollegen mit allen Mitteln zu Fall bringen. Angeführt werden sie von einem Professor, der nicht davon zurückschreckt, ihn mit Verleumdungen übelster Art zu verunglimpfen. Man wirft dem renommierten Arzt sogar vor, Versuche an Menschen zu machen. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

 

Schonungslos, wortgewandt und mit einer grossen Portion Selbstkritik schildert der Autor die schier unglaublichen Vorkommnisse, die ihm in den Achtziger- und Neunzigerjahren wiederfahren sind. Und wir erleben mit, wie er spontan ein Hotel in der Berner Altstadt kauft und was er daraus macht.

 

Winter

Im letzten Band des Romans ist der Winter angebrochen. Dr. Pascal Laubscher geht nicht ganz freiwillig in den Ruhestand. Doch Ruhestand sieht anders aus. Betrüger, Verwesungsgerüche aus einer Wohnung, seine erste Liebe, Bordelldamen, Ärgerliches rund um sein Jugenstilhotel und vieles andere mehr halten ihn auf Trab und rauben ihm den Schlaf. Auch der Tod ist allgegenwärtig: Der Abschied vom Müeti, von lieben Freunden und Weggefährten, ein Doppelmord auf offener Strasse und die Begegnung mit einem Frauenmörder verwickeln ihn tief in Gedanken über Gut und Böse. Daneben wird Pascal ständig mit den Symptomen des Älterwerdens konfrontiert. Und über ihm schwebt ein vernichtendes Gutachten. Eine ehemalige Patientin fordert ihn aufs Äusserste. Auch der letzte Band strotzt vor Spannung, Witz, Charme und Tiefsinn - in der typischen, stark bebilderten Sprache von Philippe Daniel Ledermann.

 

Nach seinem monumentalen Roman ist Philippe Daniel Ledermanns Erzählband „Mörder auf der Flucht“ durch die Vermittlung von Brigitte Müller in der Edition LEU erschienen.

 

Philippe Daniel Ledermanns neues Buch ist eine Sammlung von wahren Geschichten, Gedanken und Gedichten mit lebensentschlackenden Erfahrungskonzentraten von besonderen, oft auch seltsamen Menschen, welche die Regeln der verwalteten Welt über- oder unterschreiten.